Zukunftsbaustoff Ziegel?

In der Webseminarreihe "Baustoffe der Zukunft" ging es am 30.4. um den Traditionsbaustoff Ziegel. Kann er den Anforderungen der Zukunft gerecht werden?

Intensive Diskussionen und viele neue Gesichtspunkte prägten das 2. Webseminar der natureplus Veranstaltungsreihe "Baustoffe der Zukunft" am 30.4. mit dem Titel "Bricks - A Traditional Player Shaping the Future", das komplett in englischer Sprache gehalten wurde. Nach der Begrüßung durch den Veranstalter, Tilmann Kramolisch von natureplus, unterstrich Judith Ottich von Architects for Future erneut ihren Standpunkt, dass "Europa bereits gebaut" sei und man deshalb einen Vorrang auf Sanierung gegenüber Neubau setzen müsse. Das aktuelle Urteil des Verfassungsgerichts in Deutschland mache erneut deutlich, dass jetzt sehr viel mehr für den Klimaschutz im Bausektor getan werden müsse, der mit einem direkten und indirekten Anteil von 40 % der CO2-Emissionen als "der Elefant im Klimahaus" anzusehen sei.

5 Umwelt-Verpflichtungen

Gerhard Koch vom Verband Österreichischer Ziegelwerke, auch Mitglied im natureplus-Vorstand, ging zunächst auf die mehr als 6.000jährige Geschichte des Traditionsbaustoffs ein und erläuterte die Herstellungsweise und die verschiedenen Anwendungsgebiete des Ziegels: vom Mauerstein, der durch Porosierung und Lochung auch wachsende Aufgaben bei der Wärmedämmung übernimmt, reichen sie über den Dachziegel und Pflasterstein bis hin zum Vormauerziegel, der die Fassade gestaltet und schützt. Um sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen, sei die Ziegelindustrie 5 Verpflichtungen eingegangen:

  • Entkarbonisierung der Produkte durch Effizienzsteigerungen, geringeren Materialeinsatz, vermehrte Wärmerückgewinnung und schließlich den Ersatz fossiler Brennstoffe, um schließlich bis 2050 nahezu Null CO2-Emissionen zu erreichen
  • Ermutigung zur Kreislaufwirtschaft durch den Einsatz von Recycling-Material und die Kreislaufführung von Wasser
  • Artenschutz und Schutz der Biodiversität bei der Rekultivierung der Tongruben
  • Beitrag zu gesunder Innenraumluftqualität
  • Regionalisierung der Produktion zur Vermeidung von Transport

"Der Ziegel" - ein Wahrzeichen in Wien

Doris Wirth vom Beratungsbüro BLUESAVE aus Wien, hat das neue Verwaltungsgebäude der Wienerberger Ziegelindustrie im Auftrag der Zertifizierungsorganisationen DGNB und ÖGNI begutachtet und stellt diesem 9stöckigen Hochhaus am Rande des Wienerbergs, das überwiegend aus Ziegeln gebaut ist und auch äußerlich einem Ziegelstein ähnelt, ein sehr gutes Umwelt-Zeugnis aus: Es wurde von der DGNB mit der höchsten Stufe Platin bewertet und erhielt von ÖGNI die Kristall-Auszeichnung für besonders hohe Nutzerzufriedenheit. In das Verwaltungsgebäude mit 24.570 m² Bürofläche für 1.350 Arbeitsplätze ist ein Hotel mit 152 Zimmern und ein Restaurant integriert. Es steht am Rande der so genannten "Biotope-City" mit über 500 Wohnungen und diversen Ladenflächen auf dem ehemaligen Werksgelände von Coca-Cola und verfügt über ein Gründach und begrünte Fassadenelemente. Das Gebäude zeichnet sich durch niedrigen Energieverbrauch, geringe Unterhaltungs- und Lebenszyklus-Kosten, eine strikte Vermeidung von gesundheitsschädlichen Stoffen und eine sehr flexible Raumnutzung mit vielen Begegnungs-, Rückzugs- und Aufenthaltsbereichen für die hier Beschäftigten aus. Insbesondere die Klinker-Fassade werde praktisch nicht altern und könnte bei einem Rückbau hochwertig wiederverwendet werden.

Gute Beispiele aus Belgien und Spanien

Der Architekt Paul Vermeulen, Vorsitzender der Denkmalschutzvereinigung in Gent, berichtete vom bereits vor 15 Jahren fertiggestellten Gebäude der Flämischen Umweltverwaltung in Aalst. Für ihn ist es ein Beispiel für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Gebäudebestand, weil hier ein ehemaliges Hospital integriert wurde und man die Neubauten behutsam eingefügt hat. Die Schulungs- und Aufenthaltsräume werden intelligent mehrfach genutzt, der traditionelle Ziegelbau passt sich gut in die Umgebung ein und zeigt sich auch nach 15 Jahren noch ohne irgendwelche Schäden. Ein ganz anderes Ziegelgebäude stellte der katalanische Architekt Benjamin Iborra vom Büro Mesura in Barcelona vor. Es handelt sich um ein privates Landhaus "Casa Ter", das nach seiner Auffassung den "Genius loci", also den Geist dieses speziellen Ortes, unter anderem durch die allgegenwärtige Nutzung von lokal gebrannten Ziegeln bewahrt. Ziegel wurden hier für Wände, traditionelle Tonnendecken und die Pflasterung sowohl der Innenräume als auch des Außenbereichs verwendet. Die Verbindung von Tradition, LowTech - etwa bei der Belüftung und Kühlung - und Ästhetik stellt für ihn die gewünschte Beziehung zwischen Gebäude und Bauplatz dar. Zum Abschluss berichtete Mario Kubista von Wienerberger Österreich von der technischen Entwicklung ihrer Mauerziegel und von der 15jährigen Geschichte der natureplus-Zertifizierung der Wienerberger Produkte.

Lebhafte Diskussion

Schon während der Vorträge entspann sich unter den mehr als 50 Seminarteilnehmern und mit den Referenten eine lebhafte Diskussion über die Nachhaltigkeits-Eigenschaften des Ziegels. So wurde kritisiert, dass die Dekarbonisierung der Produktion zu langsam voranginge und der Stoffkreislauf beim Ziegel nicht geschlossen würde. Hierzu wurde ausgeführt, dass es in den nächsten 5 Jahren die ersten klimaneutralen Fabriken geben werde, aber die vollständige Umstellung der Hunderte von Ziegelfabriken in Europa mit einem ungeheuren Investitionsvolumen verbunden sei, für das es auch staatlicher Hilfen bedarf. Schon jetzt sei es möglich, 10 bis 15% Altmaterial in die Produkte einzuarbeiten. Wesentlich einfacher ist hingegen die komplette Wiederverwendung bei den besonders harten Fassaden- und Fußboden-Klinkern, die schon vielerorts praktiziert werde. Gerade die lange Haltbarkeit von mehreren hundert Jahren ohne zwischenzeitigen Pflegeaufwand sei das wichtigste Umweltargument für den Ziegel.

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