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Für eine Wärmewende im Gebäudesektor

Die Deutsche Umwelthilfe fordert die Bundesregierung dazu auf, eine Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden und Baustoffen im Klimaschutz-Sofortprogramm zu verankern.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert Bundesbauminister Horst Seehofer dazu auf, die Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden im geplanten Klimaschutz-Sofortprogramm für den Gebäudesektor zu verankern. So können Anreize für besonders nachhaltige Dämmkonzepte geschaffen werden. Bisher konnten sich umweltfreundliche Innovationen im Bereich der Wärmedämmung oft nicht durchsetzen. Grund hierfür sind etwa fehlende Anforderungen an die Recyclingfähigkeit und den Energieverbrauch bei der Herstellung und Entsorgung von Baumaterialien. Horst Seehofer muss deswegen die Vorgaben für die Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden nicht erst so wie im Gebäudeenergiegesetz (GEG) vorgesehen 2023 etablieren, sondern im jetzt schon fälligen Klimaschutz-Sofortprogramm. 

Barbara Metz, Stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der DUH, sagt dazu: „Seit Jahren hat es die Bundesregierung versäumt, die CO2-Emissionen und den Energieverbrauch des Gebäudebestands nennenswert zu senken. Damit muss jetzt Schluss sein, denn die Verschärfung der deutschen Klimaziele erfordert sofortiges Handeln. Horst Seehofer muss jetzt eine klimazielkonforme Sanierungsoffensive auf den Weg bringen, die Nachhaltigkeit über den gesamten Lebenszyklus mitdenkt und für die Kreislauffähigkeit von Gebäuden und Baustoffen sorgt. Ohne eine nachhaltige Bauwende ist der klimaneutrale Gebäudebestand bis 2045 nicht zu erreichen.“

Projekt "Innovationen in der Wärmedämmung"

Etwa 40 Prozent der deutschen CO2-Emissionen und rund 35 Prozent des deutschen Energieverbrauchs entfallen auf den Gebäudesektor. Durch bessere Dämmung kann der Energieverbrauch von Gebäuden massiv reduziert werden. Aufgrund des gravierenden Sanierungsbedarfs in den kommenden Jahren wird der Einsatz von Dämmstoffen von derzeit circa 2 Millionen Tonnen pro Jahr daher stark ansteigen. Im Rahmen des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten Projektes „Innovationen Wärmedämmung“ lokalisierte die DUH in Fachgesprächen mit Akteuren aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft deshalb Marktbarrieren und Hemmnisse für umweltfreundliche Innovationen und Verfahren bei der Wärmedämmung von Gebäuden. Durch das Projekt sollten Dämmkonzepte, die Klima- und Ressourcenschutz zusammendenken, gestärkt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine neue Informationsbroschüre der DUH zu diesem Thema zeigt die Vielfalt an nachhaltigen und innovativen Dämmkonzepten. (Die Broschüre findet sich hier unten zum Download.)

Am 15. Juni 2021 fand in digitaler Form die politische Abschlusskonferenz zu diesem Projekt statt. Hier wurden nicht nur die Ergebnisse vorgestellt, sondern auch mit Vertretern der Bundesregierung, der Bundestagsfraktionen, der Wissenschaft und der Organisation Architects for Future diskutiert. Auf einer virtuellen Messe präsentierten verschiedene Firmen und Organisationen ihre Lösungsansätze, Dämmstoffe nachhaltiger und kreislauffähiger zu machen. Auch natureplus präsentierte hier sein Label, mit dem sich Schad- und Störstoffe vermeiden, klimafreundliche und kreislaufgerechte Produkte identifizieren lassen. Einig waren sich die Teilnehmer darin, dass es, um die Klimaziele zu erreichen, dringend nötig ist, das Tempo bei der energetischen Sanierung deutlich auf 3 Prozent zu erhöhen. Gleichzeitig setzt sich die Erkenntnis fest, dass die Produktion von Dämmstoffen teilweise mit einem hohen Energie- und Ressourcenaufwand verbunden ist, der in der Energiebilanz bislang keine Berücksichtigung findet. Durch den erhöhten Materialeinsatz ist zudem mit einem Anstieg der Dämmstoffabfälle zu rechnen, gegenwärtig betragen diese etwa 200.000 Tonnen im Jahr, die bisher kaum recycelt oder wiederverwendet werden. 

Politische Abschlusskonferenz

Eingangs wies Barbara Metz darauf hin, dass der Gebäudesektor 2020 als einziger Bereich seine Klimaschutzziele deutlich verfehlt hat, hier seien die Versäumnisse besonders groß und angesichts der langen Zyklen der Handlungsbedarf besonders dringend. Es reiche nicht aus, Effizienzziele im Neubau zu verfolgen, besonders die energetische Sanierung im Bestand müsse adressiert und auf eine Ökobilanzbetrachtung des gesamten Gebäude-Lebenszyklus ausgeweitet werden, in dem Herstellung, Nutzung, Rückbau und Recycling bedacht sind. Florian Pronold, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, begrüßte die Initiative der DUH: "Wenn wir Klimaneutralität im Gebäudebestand bis 2045 erreichen wollen, müssen wir bedenken, dass 50 % der CO2-Emissionen bei der Herstellung eines modernen Gebäudes anfallen, 35 % beim Betrieb und 15 % beim Abriss." Deshalb müsse die Graue Energie ab sofort viel stärker beachtet und auch bei der Förderung seitens der KfW berücksichtigt werden. "In kaum einem Bereich ist die Kreislaufwirtschaft so wenig präsent, wie im Baubereich", ergänzte Pronold und verwies auf die jahrzehntelange Verzögerung bei der Mantel-Verordnung und der Ersatzbaustoff-Verordnung. Das mache die Entwicklung kreislaufgerechter Bau- und Dämmstoffe besonders dringend.

Pronold meldete "trotz großer Übereinstimmung" allerdings auch Dissens zu einigen DUH-Forderungen an, insbesondere, wenn sie zu einer unverhältnismäßigen Verteuerung des Bauens führen; hier sollte man beispielsweise Quartiersansätze weiter verfolgen, die eine gewisse Flexibilität bei den energetischen Standards erlauben, und die Lebenszyklus-Berechnungen auch auf die technischen Installationen ausweiten. Denn diese seien nicht nur ein großer Kostenfaktor, sie unterliegen auch kurzen Erneuerungszyklen und haben hohe Unterhaltskosten, da wäre ein Low-Tech-Ansatz aus seiner Sicht nachhaltiger. Pronold begrüßte zudem die Initiative "Bauhaus der Erde", die durch eine Stärkung des Holzbaus Klimasenken schaffen kann.

Prof. Lamia Messari-Becker von der Universität Siegen und Mitglied des Club of Rome kritisierte, dass durch eine gut gemeinte Energiepolitik mit immer höheren Neubaustandards für das Klima wenig erreicht worden sei und der Ressourcenverbrauch um 50 % erhöht worden sei. Auch für die Umweltbewegung sei dieser Zusammenhang zu lange "unter dem Radar" gefahren. Sie forderte daher, in das GEG einen Ressourcenausweis aufzunehmen und eine Lebenszyklus-Bewertung über die sogenannte "technische Klausel" einzuführen. Der Bestand als "Rohstofflager" müsse mittels eines Gebäude-Kreislauf-Gesetzes erschlossen werden. Die Zulassung von Recycling-Baustoffen müsse deutlich vereinfacht werden.

Elisabeth Broermann von den Architects for Future plädierte aus eigenen Projekten für den Wert biotischer, regional verfügbarer Baumaterialien und gegen eine zu starke technische Regulierung. Sie hob zudem den Suffizienzgedanken hervor, denn ohne eine Verringerung der individuellen Wohnfläche seien die ehrgeizigen Ziele nicht zu erreichen. Dabei gehe es nicht um Zwang ("niemand will die Oma aus ihrer 4-Zimmer-Wohnung werfen"), sondern um eine größere Flexibilisierung der Wohnformen in den einzelnen Lebensabschnitten und eine Stärkung gemeinsamer Wohnmodelle: Man müsse "das Narrativ verändern" und klarmachen, dass Gemeinschaft die Individualität bereichert und nicht schmälert.

Politische Handlungsempfehlungen

Parallel zur Abschlusskonferenz veröffentlichte die DUH ein Papier mit politischen Handlungsempfehlungen. Darin fordert sie Bauminister Seehofer auf, Nachhaltigkeitspotenziale im Bereich der Dämmstoffe zu erschließen und bestehenden Innovationen zu einer besseren Marktdurchdringung zu verhelfen. Damit sich umweltfreundliche Dämm-Innovationen in der Praxis auch durchsetzen können, müssen sie von der Politik unterstützt werden. Hierzu schlägt die DUH etwa den Ausbau von Förder- und Bildungsprogrammen vor sowie gesetzliche Anreize zur Verwendung von Recyclingbaustoffen. Die DUH fordert, dass sich Gebäude grundsätzlich einfacher rückbauen und recyceln lassen, etwa indem digitale Gebäudepässe eingeführt und Bauabfälle besser getrennt werden. Durch die Ausweitung des Prinzips der erweiterten Herstellerverantwortung auf Baustoffe soll zudem deren Ökodesign und umweltgerechte Entsorgung verbessert werden.

„Bei der Dämmung – aber auch allen anderen Baustoffen – müssen Herstellung, Bau, Rückbau und Entsorgung unbedingt zusammen gedacht werden. Aktuell gibt es weder eine Pflicht zur Erstellung von digitalen Gebäudepässen, die festhalten, welche Materialien verbaut wurden, noch verbindliche Bauteilsichtungen vor dem Abriss oder eine konsequente Förderung von Recyclingkonzepten. So wird großes Potenzial zum Umweltschutz verschenkt. Zur Stärkung innovativer und nachhaltiger Dämmkonzepte müssen Förderprogramme und Ordnungsrecht deshalb umgehend auf Klima- und Ressourcenschutz ausgerichtet werden“, kommentiert Philipp Sommer, Stellvertretender Leiter im Bereich Kreislaufwirtschaft der DUH. Die Handlungsempfehlungen der DUH finden sich ebenfalls hier zum Download.

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