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Sekundäre Baustoffe - Alles andere als zweitklassig

Das fünfte und damit vorletzte Webseminar der Reihe „Baustoffe der Zukunft“ bewies eindrucksvoll, welche Potentiale sekundäre Baustoffe bieten, und bot tiefe Einblicke in die Hemmnisse, die einer breiten Anwendung dieser Produkte bislang im Weg stehen.

Ergebnis der Befragung zu Hürden bei der Wiederverwendung von Baustoffen

Ansicht des Hannoveraner Recyclinghauses, Cityförster / Foto © Olaf Mahlstedt

Beispiele für recyclierte Gesteinskörnungen. Foto: Fa. Feess

Vor dem ersten Vortrag zeigte eine kurze Online-Befragung der Webseminar-Teilnehmer, dass großes Interesse am Einsatz sekundärer Baustoffe besteht, es jedoch an der konkreten Umsetzung noch hapert. Als Hauptgründe hierfür wurden die ungeklärte Gewährleistung und Haftung, die unbekannten Inhaltsstoffe und Kosten für Materialprüfung, sowie die unbekannte Nutzungsdauer bei einer Wiederverwendung von Baustoffen genannt.

Vielversprechende Ansätze der Kreislaufwirtschaft

Diese Eindrücke konnte der erste Vortragende, Dr. Carsten Gandenberger, der bis vor kurzem am Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung tätig war, anhand seiner eigenen Erfahrungen bestätigen. Gandenberger stellte im Rahmen seines Vortrags seine im Januar 2021 veröffentlichte Studie zu „Innovationen für die Circular Economy” vor. In dieser vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Studie befasste er sich mit eben jenen besagten Hemmnissen. Der dramatische Rückgang natürlicher Ressourcen und der damit einhergehende Anstieg von CO2 Emissionen, Rückgang der Artenvielfalt und die Verstärkung der Wasserknappheit machen es laut Dr. Gandenberger jedoch dringend notwendig, mit technischen Innovationen die bisherigen Hürden einer Circular Economy zu überwinden. 2019 wurden lediglich 9% des globalen Rohstoffbedarfs durch Sekundärrohstoffe gedeckt. In Deutschland lag der Anteil immerhin bei 15%, insbesondere durch die Wiederverwertung von Altmetallen, Glas und Altpapier. Verschiedene Ansätze der Kreislaufwirtschaft, wie etwa “Sharing”, bei dem durch das Teilen bestimmter Produkte (z.B. Autos) deren Nutzung intensiviert wird oder “Refurbishing”, einer Art “Produktupgrade” durch den Hersteller, bieten laut Gandenberger durchaus Wege an, um Rohstoffe auch über das klassische Recycling hinaus wiederzuverwenden. Allerdings zeige der geringe Anstieg an Patenten und Unternehmensgründungen in diesen Bereichen die noch immer vorherrschende Zurückhaltung gegenüber wiederverwendeten Rohstoffen. Insbesondere Hersteller seien noch immer skeptisch bezüglich der Qualität von Rezyklaten, daher müssten die hohen geltenden Qualitätsstandards in diesem Bereich in seinen Augen noch besser vermittelt werden. Auch in einer festgelegten Quote von Sekundärrohstoffen bei der Produktherstellung, strengeren Vorgaben für das Produktdesign bzgl. der Reparatur- und Recyclingfreundlichkeit, sowie der Verbreitung von kreislauforientierten Geschäftsmodellen sieht er Potential, um künftig den Einsatz sekundärer Rohstoffe zu erhöhen.

Idealvorstellung versus Realität im Baustoffrecycling

Stefan Schmidmeyer, Geschäftsführer des Bundesverbands für Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse), griff die Worte seines Vorredners unmittelbar auf und betonte direkt zu Beginn seines Vortrags “Das erste, woran wir immer denken sollten, ist: wie wir Produkte am Ende ihrer Nutzung direkt wiederverwenden können”. In diesem grundlegenden Umdenken sieht Schmidmeyer großes Potential, wie die Idealvorstellung einer Kreislaufwirtschaft zur Realität werden kann. Entgegen dem Ideal im Sinne des deutschen Kreislaufwirtschaftsgesetzes, wonach möglichst viele Baustoffe verwertet und so wenig wie nötig entsorgt werden sollten, zeigt die Realität: lediglich 33,5% aller Bauabfälle werden recycelt, 66,5% landen auf Deponien, in Verfüllungen oder bei der Müllverbrennung. Auch Schmidmeyer sieht daher dringenden Handlungsbedarf: der sich zuspitzenden Rohstoffknappheit auch im Bereich von Sand, Schotter und Kies stünden noch zu viele Widerstände gegen den Bau neuer, innovativer Recyclinganlagen gegenüber. Das wiederum verstärke auch einen Entsorgungsnotstand und das Verkehrsaufkommen, da Baustoffabfälle zum Teil über weite Strecken bis ins Ausland zu Deponien transportiert werden, deren Bau in Deutschland nicht realisiert werden kann.

Sekundäre Baustoffe unterliegen hohen Qualitätsansprüchen

Mit dem Einsatz hochmoderner Technik können Baustoffabfälle heute sehr hochwertig aufbereitet werden. An dieser Stelle räumte Schmidmeyer auch mit dem Vorurteil auf “man wisse bei sekundären Baustoffen nicht, welche Qualität man bekomme”. Entgegen dieser landläufigen Meinung, würden gerade die recycelten Baustoffe einer sehr strengen Qualitätskontrolle und Zertifizierung unterliegen, zum Teil seien die Standards sogar höher als bei Primärrohstoffen. Einen Beitrag zu dieser Qualitätssicherung leistet auch das bvse selbst, das gemeinsam mit dem deutschen Abbruchverband und dem Zentralverband des deutschen Baugewerbes ein eigenes Siegel entwickelt hat. Bei der Vergabe des sogenannten “QUBA” wird neben der Umweltverträglichkeit auch die Bautechnik sekundärer Baustoffe ausgezeichnet, so dass eindeutig hervorgeht, aus welchen Stoffen der Sekundärbaustoff besteht und welche umweltrelevante Einstufung jeweils besteht. Gemäß der jeweiligen DIN-Normen sind sekundäre Baustoffe dann bedenkenlos im Erd- und Tiefbau, im Straßen- und Wegebau, im Hochbau und auch im Garten- und Landschaftsbau einsatzfähig.

Der aktuellen Rohstoffkrise kann Schmidmeyer daher auch Gutes abgewinnen. Da diese auch bei Beton-, Ziegel- oder Mörtelherstellern zu spüren sei, würden diese nun stärker sekundäre Baustoffe nachfragen. Durch diese steigende Nachfrage, aber auch durch das Aufkommen innovativer Baustoffe wie Carbonbeton, Holzbeton oder weiterer Verbundstoffe, denen oftmals auch Chemikalien beigemischt werden, steht die Recyclingbranche jedoch auch vor wachsenden Anforderungen bei Trennverfahren. Diesen Anforderungen könne man in Zukunft nur gerecht werden, so der bvse Geschäftsführer, wenn die Recyclingbranche mehr staatliche Unterstützung durch Investitionen in Forschung und Entwicklung und in neue, innovative Recyclinganlagen erhält. Auch die Bauindustrie müsste deutlich rückbauorientierter planen und rechtliche Rahmenbedingungen strenger umgesetzt werden, so Schmidmeyer. Seit Jahrzehnten ist es etwa gesetzlich festgelegt, dass die öffentliche Hand eine Vorbildfunktion beim Einsatz sekundärer Baustoffe einnehmen soll und bevorzugt einzusetzen hat. Aufgrund der fehlenden Kontrollen wird dies bislang jedoch nur selten umgesetzt.

Ein Haus aus Müll

Ein konkretes und sehr beeindruckendes Beispiel für den umfassenden Einsatz sekundärer Baustoffe stellte im dritten Vortrag Nils Nolting, Architekt und Gründungspartner bei cityförster architecture+urbanism in Hannover, vor. Nolting präsentierte das im Sommer 2019 fertiggestellte „Recyclinghaus“ – das erste überhaupt in Deutschland. Eine recyclinggerechte Bauweise ermöglichte etwa der Rohbau aus einer leimfreien Massivholzkonstruktion, die nicht nur ohne Verbundstoffe auskommt, sondern gleichzeitig als CO2 Speicher dient und nach Ende der Nutzung eine sortenreine Trennung und Wiederverwendung ermöglicht. Industrieprodukte aus Recyclingmaterial wurden in Form von Schaumglasschotter aus Altglas für die Bodendämmung und in Form von Jute aus nicht mehr verwendbaren Kakao-Säcken für die Wärmedämmung eingesetzt. Aus der Fassade eines zum Abriss freigegebenen Hauses wurden ganze Fenster aus- und im Recyclinghaus wieder eingebaut, die Türen stammten aus einem alten Bauernhaus und altes Kopfsteinpflaster diente als Bodenbelag. Eine Bauteiltransformation durchliefen die Sichtholzwände einer Sauna, die für die Außenfassade des Hauses verwendet wurden, Betongehwegplatten, die als Estrichersatz dienten, sowie Messebauplatten aus der nahegelegenen Hannover Messe. Die intensive Planung des Recyclinghauses habe gezeigt, wie groß das Potenzial sekundärer Baustoffe ist, so Nolting. Allerdings seien damit auch Herausforderungen einhergegangen. So hätten etwa manche Bauteile die Maße vorgegeben, so dass die anderen wie ein Puzzle zusammengesetzt werden mussten. Auch, dass bei einigen Bauteilen die Produkteigenschaften nicht ausreichend oder gar nicht dokumentiert waren, führte zu einem erheblichen Mehraufwand. Denn gerade bei sekundären Baustoffen seien diese Nachweise unbedingt notwendig, damit Bauherren wissen, woran sie sind.

Social Urban Mining – Wiederverwendung von Baustoffen mit einer sozialen Komponente

Markus Meissner, Gesellschafter der pulswerk GmbH, präsentierte in seinem Vortrag das Startup “BauKarussell”. Das junge österreichische Unternehmen setzt Social Urban Mining als erstes Startup von der Theorie in die Praxis um. Neben der Untersuchung von Rückbauten auf wiederverwertbare Bauteile werden der tatsächliche Rückbau sowie die hierfür vorbereitenden Maßnahmen bei BauKarussel durch sozialwirtschaftliche Partner erbracht. Diese Partner ermöglichen vielen Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr erwerbstätig sind, durch Trainings- und Qualifikationsmöglichkeiten wieder Fuß im Erwerbsleben zu fassen. Im Rahmen der Recyclingbaustoffverordnung Österreichs, übernimmt BauKarussell dann die Erfassung des Rückbauobjektes, die Begleitung des gesamten Rückbaus und wesentliche abbruchvorbereitende Rückbauarbeiten, wie etwa die Schad- und Störstoffentfrachtung und die Wertstoffsicherung. Unter den 140 to Material, die BauKarussel aus dem Rückbau eines Universitätsgebäudes gewinnen konnte, waren auch einige kaum beschädigte Paternosterkabinen, wovon eine nun im Wiener Aufzugsmuseum zu bewundern ist. Die ausgebauten Bauteile vermittelt BauKarussel im Anschluss unter anderem über einen Onlinekatalog an interessierte Bauherren.

“Weg vom Abbruch – hin zum selektiven Rückbau”

Zum Abschluss des Webseminars stellte Sebastian Rauscher, Projektleiter bei der Heinrich Feess GmbH & Co. KG, das Bauschuttrecycling aus der Verwerterperspektive vor und gab wertvolle Einblicke. Angefangen als Fuhrunternehmen, versteht sich die Firma inzwischen als Pionier und Botschafter für Qualitäts-Recycling. In seinem Vortrag fokussierte sich Rauscher daher insbesondere auf die operativen Herstellungsprozesse wie dem des Zuschlagstoffes für R-Beton und sprach sich für einen Weg “weg vom Abbruch hin zum selektiven Rückbau“ aus. Bei der konkreten Vorstellung einiger ausgewählter Produkte der Firma Feess aus Kirchheim unter Teck betonte Herr Rauscher zum Abschluss, was auch bei seinen Vorrednern angeklungen war: sekundäre Baustoffe müssten eine hohe Qualität aufweisen, um überhaupt von den Kunden in Erwägung gezogen zu werden. Feess als Recycler würde dabei sogar sehr viel häufiger kontrolliert, als es bei Herstellern von Primärrohstoffen oft der Fall sei.

Wo kein Kläger, da kein Richter

Einmal mehr schloss das Webseminar mit einer regen Diskussion und Fragerunde ab. Dabei zeichnete sich zum einen ab, dass sekundäre Baustoffe zwar keineswegs zweitklassig sind, ihre Akzeptanz bei Bauherren jedoch nach wie zu wünschen lässt - insbesondere mit Blick auf die aktuelle Ressourcensituation. Die Vortragenden waren sich einig, dass eine Anpassung der Ausschreibungen dem genauso Abhilfe schaffen muss, wie eine Kennzeichnung dieser Baustoffe als „Produkt“ und nicht als “Abfall”. Zum anderen entbrannte eine spannende Diskussion darüber, ob man auf dem Klageweg eine Pflicht zum Einsatz sekundärer Baustoffe (zu einem gewissen Grad) durchsetzen könnte. Denn dass Auftraggeber bislang kaum dafür belangt werden können, wenn sie sich gegen sekundäre Baustoffe entscheiden, steht einer breiteren Anwendung sekundärer Baustoffe und damit einer Realisierung der Kreislaufwirtschaft im Bau offenbar deutlich im Weg. Einen kleinen Hoffnungsschimmer brachte an dieser Stelle die Vertreterin des Bundesumweltministeriums ein: eine konkrete Klageempfehlung sei hier bereits angedacht.

*Dieses Webseminar war Teil des natureplus Projektes "Baustoffwende" und wurde durch das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert.

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