
Wie können Kommunen ihren Gebäudebestand nachhaltig und zukunftssicher erneuern? – Mit dieser Frage beschäftigten sich die Teilnehmenden des natureplus Fach-Workshops „Vom Sanierungsstau zur Zukunftschance“ (Bild: natureplus/AnnaWenz)
Zukunft.Bau.Stoffe - Fachworkshop für Architekt*innen
Sanierung neu denken: Zukunftsfähige Baustoffe in der Planungspraxis
Wie können Bestandsgebäude mit zukunftsfähigen Baustoffen saniert werden – bauphysikalisch verlässlich, wohngesund, wirtschaftlich tragfähig und zugleich im Sinne von Klimaschutz und Ressourcenschonung? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Fachworkshops „Sanierung neu denken – zukunftsfähige Baustoffe in der Planungspraxis“, zu dem natureplus e. V. gemeinsam mit dem Netzwerk Zukunftsfähiges Bauen am 19. Juni 2026 in die Alte Feuerwache nach Mannheim eingeladen hatte.
Architektinnen, Bauplanerinnen, Bauingenieurinnen, Energieberaterinnen und Stadtplaner*innen nutzten die Veranstaltung, um sich mit den Möglichkeiten biobasierter und natürlicher Baustoffe in der Sanierung auseinanderzusetzen. Dabei wurde deutlich: Die Bauwende im Bestand braucht nicht nur neue Materialien, sondern vor allem fundiertes Wissen, gute Planung, Austausch und realistische Lösungen für die Praxis.
Biobasierte Baustoffe im Realitätscheck
Den fachlichen Auftakt machte Karl Torghele, Geschäftsführer von SPEKTRUM Bauphysik & Bauökologie. In seinem Vortrag „Mehr als ein Trend? Nachwachsende Baustoffe im Realitätscheck“ zeigte er, welche Potenziale natürliche und nachwachsende Materialien für die Sanierung bieten – und welche Anforderungen dabei beachtet werden müssen.
Gerade im Bestand stellen sich Planer*innen immer wieder konkrete Fragen: Welche Materialien eignen sich für welche Bauteile? Wie lassen sich bauphysikalische Anforderungen, Brandschutz, Feuchteschutz und Schallschutz mit ökologischen Baustoffen sicher erfüllen? Und wie können biobasierte Lösungen so geplant werden, dass sie nicht nur nachhaltig, sondern auch dauerhaft, wirtschaftlich und ausführbar sind?
Im Workshop wurde deutlich, dass biobasierte Baustoffe längst mehr sind als eine Nischenlösung. Gleichzeitig braucht ihre Anwendung Wissen über Materialeigenschaften, Einsatzgrenzen und geeignete Konstruktionen. Denn nicht jedes Material passt zu jeder Ausgangslage – und nicht überall ist „bio“ automatisch die beste Lösung.

Holzbau in der Praxis: Projekt NORDGRÜN
Wie zukunftsfähige Sanierung und Nachverdichtung konkret aussehen können, zeigte Manuel Michalski von Drescher Michalski Architekten anhand des Projekts NORDGRÜN. Durch die Aufstockung eines bestehenden Betriebsgebäudes in Holzbauweise entstand attraktiver Wohnraum – ein Beispiel dafür, wie Bestand weiterentwickelt werden kann, ohne neu zu bauen.as Projekt machte anschaulich, welche Chancen in der Kombination von Bestandserhalt, Leichtbauweise und nachwachsenden Materialien liegen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass solche Vorhaben frühzeitige Abstimmung, hohe Planungsqualität und eine klare Kommunikation mit Bauherrschaft, Fachplaner*innen und ausführenden Gewerken erfordern.
Besonders relevant für die Diskussion war die Frage, wie Mehrwerte biobasierter Bauweisen überzeugend vermittelt werden können. Neben ökologischen Vorteilen spielen dabei auch Wirtschaftlichkeit, Lebenszykluskosten, Aufenthaltsqualität, Wohngesundheit und langfristige Robustheit eine wichtige Rolle.

Vom richtigen Material zur guten Planung
Im interaktiven Teil des Workshops, der vom Netzwerk Zukunftsfähiges Bauen moderiert und begleitet wurde, arbeiteten die Teilnehmenden an mehreren Stationen zu konkreten Fragen aus der Planungspraxis.
Eine zentrale Diskussion drehte sich um typische Planungsherausforderungen: Brandschutz, Nichtbrennbarkeit, Prüfzeugnisse, Bauphysik, Akzeptanz, frühe Kommunikation und die Frage, wie besondere planerische Leistungen angemessen honoriert werden können. Gerade beim Brandschutz zeigte sich, dass ökologische Baustoffe zwar häufig als brennbar wahrgenommen werden, dies aber nicht automatisch gegen ihren Einsatz spricht. Vielmehr braucht es Strategien, um bereits im Entwurf und in der frühen Planung auf Anforderungen zu reagieren – etwa über Gebäudeklasse, Bauteildimensionierung, geeignete Konstruktionen und belastbare Nachweise.
Auch die Akzeptanz wurde als entscheidender Faktor benannt. Viele Bauherrinnen, Planerinnen und ausführende Unternehmen orientieren sich weiterhin stark an bekannten Standardlösungen. Wenn bioökonomische Baustoffe eingesetzt werden sollen, muss dieser Anspruch deshalb frühzeitig im Projekt geklärt und kommuniziert werden. Besonders wichtig ist dabei, die Bauherrschaft mitzunehmen: Sie muss nicht nur vom ökologischen Mehrwert überzeugt werden, sondern auch verstehen, welche Anforderungen, Pflege- und Nutzungsfragen später im Betrieb eine Rolle spielen können – etwa bei Lehmoberflächen in stark genutzten Gebäuden wie Kindergärten.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass bioökonomische Baustoffe nicht nur zusätzliche Anforderungen mit sich bringen, sondern auch Einsparpotenziale eröffnen können. Feuchteregulierende Materialien können beispielsweise dazu beitragen, technische Lösungen zu reduzieren oder anders zu dimensionieren. Als wichtige Argumente wurden außerdem positive Lebenszyklusbewertungen, lange Haltbarkeit, Schadstoffarmut bzw. schadstoffbindende Eigenschaften, Verfügbarkeit und die Verbesserung der Innenraumqualität genannt.

Lehm verbindet: hybride Bauweisen und Materialkombinationen
Ein besonderer Fokus lag auf dem Deep Dive „Lehm verbindet – im Zusammenspiel mit bioökonomischen Baustoffen und hybriden Bauweisen“ mit Barbara Beetz, Fachkraft für Lehmbau bei CLAYA.
Lehm wurde dabei nicht nur als einzelner Baustoff betrachtet, sondern als verbindendes Element in nachhaltigen Konstruktionen. Besonders im Zusammenspiel mit Holz, Stroh, Hanf, Kalk oder anderen natürlichen Materialien kann Lehm wichtige bauphysikalische und gestalterische Qualitäten einbringen. In leichten Bauweisen sorgt Lehm etwa für zusätzliche Masse und verbessert damit Wärmespeicherkapazität und Schallschutz. Gleichzeitig unterstützt er diffusionsoffene Wandaufbauten, reduziert Kondensatbildung und Feuchteschäden und kann in bestimmten Konstruktionen auch zur Verbesserung des Brandschutzes beitragen.
Auch im Sinne zirkulärer Bauweisen bietet Lehm großes Potenzial: sortenrein trennbare Konstruktionen, Low-Tech-Ansätze und die Möglichkeit, regionale oder wiederverwendbare Materialien einzubinden, machen ihn zu einer besonders passenden Ergänzung bioökonomischer Baustoffe. Diskutiert wurde außerdem, wie bioökonomische Materialien als Zuschlagstoffe für Lehmbaustoffe eingesetzt werden können – etwa zur Veränderung von Rohdichte, Wärmedämmung, Armierung oder Abriebfestigkeit.
Neben den Materialeigenschaften standen auch konkrete Anwendungsfragen im Mittelpunkt: Welche Lehmbauplatten gibt es? Worauf muss in der Planung geachtet werden? Wie kann mit Aushubmaterial gearbeitet werden? Und welche konstruktiven Prinzipien sind entscheidend, damit Lehm im Bestand dauerhaft funktioniert? Genannt wurden unter anderem ein geeignetes Fundament mit kapillarbrechender Schicht, konstruktiver Wetterschutz, Dachüberstände sowie passende Details für den Einsatz im Holz- und Strohballenbau.
Austausch zeigt: Es gibt nicht die eine einfache Lösung
Die Ergebnisse der Workshop-Stationen machten deutlich, dass der Einsatz biobasierter Baustoffe in der Sanierung viele Chancen bietet, aber auch komplexe Fragen aufwirft. „Sich’s nicht zu einfach machen“ war eine zentrale Erkenntnis aus der Diskussion.
Denn nachhaltige Sanierung bedeutet nicht, konventionelle Baustoffe eins zu eins durch ökologische Alternativen zu ersetzen. Vielmehr braucht es eine sorgfältige Abwägung von Anforderungen, Zielen und Rahmenbedingungen: Welche Lösung passt zum Gebäude? Welche Anforderungen sind wirklich entscheidend? Wie lassen sich Kosten, Lebenszyklus, CO₂-Speicherung, Wartung und Rückbaubarkeit gemeinsam betrachten?
Auch die Kostenfrage wurde intensiv diskutiert. Dabei zeigte sich: Entscheidend ist nicht nur der reine Materialpreis, sondern die Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus. Investitionen müssen ins Verhältnis zu Langlebigkeit, Sanierungskosten, Betrieb, Raumqualität und möglichen Folgekosten gesetzt werden.
Planung braucht Netzwerk, Wissen und Systemlösungen
Ein wiederkehrendes Thema war die Frage, wie Planer*innen von der Anforderung zum richtigen Material kommen. Die Teilnehmenden benannten den Bedarf an verlässlichen Informationsquellen, Beratung, Ausschreibungsplattformen, Weiterbildung und praxisnahen Beispielen. Auch Netzwerkstrukturen wurden als entscheidender Hebel gesehen.
Gerade im Arbeitsalltag fehlt häufig die Zeit, sich projektbezogen tief in ungewohnte Bauweisen einzuarbeiten. Hilfreich wären deshalb gut zugängliche Standardaufbauten, erprobte Details, Produkthinweise, Anbieterlisten und Kontakte zu erfahrenen Verarbeiterinnen und Handwerkerinnen. Auch Referenzprojekte können Orientierung geben – besonders dann, wenn sie konkrete Lösungen, Planungswege und Erfahrungswerte nachvollziehbar machen.
Zugleich wurde deutlich, dass integrales Planen bei zukunftsfähiger Sanierung eine zentrale Rolle spielt. Die vielen Themenbereiche – von Bauphysik, Brandschutz und Materialwahl über Kosten, Komfort, Nutzung und Betrieb bis hin zu Klimaschutz und Zirkularität – bringen Zielkonflikte mit sich, die frühzeitig ausverhandelt werden müssen. Dafür braucht es hohe Planungsqualität und gutes Projektmanagement. Gleichzeitig wurde angesprochen, dass die HOAI den erhöhten Planungsaufwand nicht immer ausreichend abbildet. In der Praxis entstehen dadurch Fragen der zusätzlichen Honorierung, wenn mehr Abstimmung, frühere Planungstiefe oder besondere Fachleistungen notwendig werden.

Bioökonomische Baustoffe als Teil der Bauwende
Über alle Beiträge hinweg wurde deutlich: Biobasierte und natürliche Baustoffe können einen wichtigen Beitrag zur Bauwende leisten. Sie helfen, fossile und mineralische Ressourcen zu schonen, CO₂ zu speichern, regionale Wertschöpfungsketten zu stärken und gesunde Innenräume zu schaffen.
Gleichzeitig müssen sie realistisch eingesetzt werden. Entscheidend ist eine materialgerechte Planung, die bestehende Konstruktionen berücksichtigt und ökologische, technische, wirtschaftliche und gestalterische Anforderungen zusammendenkt.
„Bioökonomie im Bauwesen bedeutet nicht, einfach einzelne Materialien auszutauschen. Es geht darum, den gesamten Planungsprozess neu zu denken – vom Bestand über die Zieldefinition bis zur Materialwahl“, so Tilmann Kramolisch, Geschäftsführer von natureplus e. V.
Orientierung für die Planungspraxis
Der Workshop machte deutlich: Zukunftsfähige Sanierung braucht mehr als gute Materialien. Sie braucht Planungssicherheit, belastbare Details, Wissen über Bauphysik und Nutzung, eine früh eingebundene Bauherrschaft und Netzwerke, die Erfahrung zugänglich machen. Bioökonomische Baustoffe und Lehm können dabei wichtige Bausteine sein – besonders dann, wenn sie nicht als Einzelprodukte, sondern als Teil ganzheitlicher, langlebiger und zirkulärer Konstruktionen gedacht werden. Der Fachworkshop zeigte, dass viele Architektinnen und Planerinnen grundsätzlich offen für biobasierte Baustoffe sind – gleichzeitig aber konkrete Orientierung für die Anwendung brauchen. Gesucht werden nicht abstrakte Idealbilder, sondern belastbare Informationen, erprobte Details, passende Ansprechpartner*innen und Beispiele, die zeigen, wie nachhaltige Sanierung im Alltag gelingen kann.
Projektkontext
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Initiative „Bioökonomische Baustoffe für die Bauwende“ statt, die vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg gefördert wird. Ziel ist es, nachhaltige Bauweisen und insbesondere biobasierte Materialien aus der Nische in die breite Anwendung zu bringen.
Der Fachworkshop wurde von natureplus e. V. gemeinsam mit dem Netzwerk Zukunftsfähiges Bauen umgesetzt. Die Teilnahme war kostenlos. Die Veranstaltung wurde von der Architektenkammer Berlin mit 6 Unterrichtseinheiten anerkannt.
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