
Anbringen der Holzfaserunterdeckplatten. Bild: Natural Building Lab
Naturmaterialien in der Sanierungspraxis
Ein Praxisworkshop im Rahmen des Projekts Re:Source Neckargemünd zeigte auf, wie natürliche Baustoffe in realen Bestandsgebäuden sicher, effizient und klimafreundlich eingesetzt werden können, von der Dachdämmung bis zur Innendämmung mit Hanfkalk.
Der Workshop am 5. Dezember 2025 in der Villa Menzer in Neckargemünd zeigte anschaulich, wie ökologische Baustoffe im Bestand wirken und welche Bedeutung sie für klimafreundliche Sanierungsstrategien haben. Das Projektteam des Natural Building Lab der TU Berlin, von natureplus sowie externe Experten erläuterten die wichtigsten Eigenschaften natürlicher Materialien wie Holzfaser, Hanf, Schafwolle, Hanfkalk und Lehm und zeigten auf, wie sie in funktionale, diffusionsoffene Aufbauten integriert werden können und welche bauphysikalischen Vorteile sich daraus ergeben.
Von der Theorie in die Praxis
Zu Beginn erhielten die Teilnehmenden eine kompakte Einführung in Auswahl, Einsatzbereiche und Kombinationsmöglichkeiten der verwendeten Naturbaustoffe. Im Fokus standen dabei zentrale Planungsaspekte: das Verhalten der Materialien im Bauteil, ihre Eignung für unterschiedliche Bestandssituationen sowie Kriterien für einen sicheren und langlebigen Aufbau. Auch typische Herausforderungen in der Sanierung wurden thematisiert, einschließlich der Frage, wie Ausführungsfehler vermieden werden können.
Im Anschluss folgte der praktische Teil. An den beiden Schwerpunkten Dachdämmung und Innendämmung mit Hanfkalksteinen arbeiteten die Teilnehmenden direkt am Objekt und konnten die Materialien unter realen Bedingungen verarbeiten. Dabei wurden grundlegende handwerkliche Techniken vermitteltund der korrekte Einbau der Baustoffe in funktionale Schichten demonstriert.
Dachdämmung im Bestand – diffusionsoffener Aufbau für wirksamen sommerlichen Wärmeschutz
Im ersten Praxisteil wurde exemplarisch gezeigt, wie sich ein diffusionsoffener Dachaufbau im Bestand mit natürlichen Dämmstoffen effizient und handwerklich sicher realisieren lässt. Im Fokus standen Materialien, die ein optimales Sorptionsverhalten aufweisen und gleichzeitig über ein hohes Wärmespeichervermögen verfügen. Diese Eigenschaften sind entscheidend, um sommerliche Überhitzung zu reduzieren und ein dauerhaft stabiles Innenraumklima zu gewährleisten. Bei dem im Workshop behandelten Dach waren zentrale Eingriffe wie eine Aufsparrendämmung oder eine Aufdoppelung der Sparren nicht möglich. Daher wurde ein Aufbau gewählt, der vollständig von innen realisierbar ist und mit der vorhandenen Konstruktion arbeitet, ohne das Dach von außen öffnen oder statisch verändern zu müssen. Der Aufbau begann mit einer Lattung, die in den Sparrenfeldern angebracht und seitlich an den Sparren verschraubt wurde. Sie bildete eine definierte Hinterlüftungsebene und diente zugleich als Unterkonstruktion für die Holzfaserplatte, die in diesem System als Unterdeckplatten eingesetzt wurde. Darauffolgend wurden die Sparrenfelder vollständig mit einer Zwischensparrendämmung versehen, bei der drei unterschiedliche Naturdämmstoffe zum Einsatz kamen: Holzfaser, Hanf und Schafwolle. Diese Materialien zeichnen sich durch eine hohe Wärmespeicherkapazität aus und bewirken eine lange Phasenverschiebung, wodurch Wärme verzögert in den Innenraum abgegeben wird, ein entscheidender Vorteil für den sommerlichen Hitzeschutz im Dachbereich. Gleichzeitig sind sie in der Lage, Feuchtigkeit aufzunehmen und kontrolliert wieder abzugeben, ohne ihre Dämmwirkung zu beeinträchtigen. Damit bleibt der gesamte Aufbau diffusionsoffen und bei fachgerechter Ausführung dauerhaft schadenssicher. Eine flächige Untersparrendämmung aus Holzfaser ergänzte den Aufbau nach innen. Sie minimiert Wärmebrücken, sorgt für eine gleichmäßige Fläche und schafft eine solide Grundlage für den geplanten Lehmputz. Der Lehmputz unterstützt die Feuchteregulierung zusätzlich und trägt zu einem wohngesunden, emissionsarmen Innenklima bei. Durch die gezielte Kombination dieser Materialien konnte vollständig auf Abdichtungen oder Dampfbremsen verzichtet werden. Der Feuchtetransport erfolgt innerhalb des Bauteils auf natürliche Weise, was den Aufbau besonders robust, langlebig und praxistauglich für den Bestand macht.
Innendämmung mit Hanfkalksteinen – Vorsatzschale mit kapillaraktiver Wirkung

Im zweiten Praxisteil wurde eine Innendämmung mit Hanfkalksteinen umgesetzt. Die Teilnehmenden errichteten vor einer bestehenden Wand eine Vorsatzschale aus Hanfkalksteinen und füllten den Zwischenraum anschließend mit Hanfkalkschüttung und Verschnittresten aus. Auf diese Weise entstand eine homogene, kapillaraktive Innendämmung, die Feuchtigkeit sicher transportieren kann und gleichzeitig eine stabile, planebene Oberfläche für den späteren Kalk- oder Lehmputz bietet. Hanfkalk ist ein mineralisch gebundener Bioverbundwerkstoff mit besonderen Vorteilen für den Bestandsbau. Er verbindet ein hohes Wärmespeichervermögen mit einer ausgeprägten Regulierung von Feuchtigkeit, wodurch Temperatur- und Feuchteschwankungen im Innenraum ausgeglichen werden. Durch seine kapillaraktive Struktur kann bei Hanfkalk dasRisiko von Kondensat reduziert werden und durch die Alkalität des Kalks die Schimmelbildung deutlich vermindert werden. Darüber hinaus ist Hanfkalk formstabil, gut bearbeitbar und ermöglicht eine robuste, mechanisch belastbare Wandkonstruktion, die sich im Sanierungskontext als besonders zuverlässig erweist. Durch seinen hohen mineralischen Anteil erreicht Hanfkalk die Klassifizierung B,s1,d0 nach DIN EN 13501, was eine geringe Rauchentwicklung und ein Brandverhalten ohne brennendes Abtropfen beschreibt. Die Möglichkeit, Verschnittreste und Schüttmaterial vollständig in den Aufbau zu integrieren, unterstreicht zudem die Kreislauffähigkeit des Systems, steigert die Ressourceneffizienz und minimiert Abfall während der Ausführung.
Fazit
Der Workshop machte eindrücklich deutlich, dass nachhaltige Baustoffe auch unter eingeschränkten baulichen Voraussetzungen effizient, sicher und handwerklich gut einsetzbar sind. Die Teilnehmenden erhielten ein vertieftes Verständnis für Materialien, funktionale Aufbauten und die dahinterliegenden bauphysikalischen Prinzipien. Die Verbindung aus fundiertem theoretischem Input, praktischer Anwendung, direktem Materialerleben, fachgerechter Anleitung und realitätsnahen Bestandsbedingungen erwies sich dabei als besonders wirkungsvoll. Insgesamt leistete der Workshop einen wichtigen Beitrag, um ökologische Sanierungskonzepte praxisnah zu vermitteln und ihre Alltagstauglichkeit im kommunalen Gebäudebestand sichtbar zu machen.
Ein besonderer Dank
Ein besonderer Dank gilt den Materialsponsoren, die den praktischen Teil des Workshops maßgeblich unterstützten. Roth Baustoffe aus Neckargemünd stellte sowohl die Holzfaserdämmstoffe als auch die benötigten Lehmprodukte zur Verfügung und stärkte damit zugleich den regionalen Bezug der Veranstaltung. Isolena lieferte die Schafwolldämmung, die im Dachbereich verarbeitet wurde, und IsoHemp stellte die Hanfkalksteine für die Innendämmung bereit. Durch diese Unterstützung konnten die Teilnehmenden mit realen, professionell einsetzbaren Materialien arbeiten und deren Verarbeitung unter praxisnahen Bedingungen unmittelbar erproben.

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